Jeden Tag gesund und lecker – so verspricht es der Untertitel von Felix Olschewskis neustem Streich.
Wer Felix kennt, weiss sein besonderes Interesse an der Ernährung zu schätzen. Auf Urgeschmack.de gibt es keine Quick-Fixes oder Crashdiets, vielmehr geht es um die Gestaltung des Lebens als solches. Wer 4 Wochen hungert und sich danach mit Zuckerware vollstopft, behandelt lediglich die Symptome, nicht die Ursachen, seiner Probleme.
Diese Sichtweise kommt auch im Urgeschmack-Kochbuch gut herüber. Süßigkeiten werden nicht einfach gestrichen, sondern durch gesunde Naschmittel ersetzt. Da Essen nicht nur als Treibstoff dient, sondern auch Genuß und soziale Zusammenkunft mit sich bringt, präsentiert Felix neben den typischen “simplen” Paleogerichten auch ausgefallenere Speisen, die man seinen Freunden an einem gemeinsamen Abend vorsetzen kann. So muss man sich nicht für seine Ernährung rechtfertigen, wie man es als Paleo-Jünger doch oft erlebt. Im Gegenteil, man kann Lorbeeren einheimsen. Denn ein wirkliches Festmahl besteht selten aus Weißmehl & Co. – gutes Fleisch und schmackhafte Kombination von Gemüsen und Gewürzen passt viel eher.
Dabei liest sich die “To-Do” Liste, genannt Ernährungsgrundsätze, wie die vieler Paleo-Blogs oder Paleo-Bücher.
- Kein Zucker
- Kein Getreide
- Keine ungesunden Pflanzenfette
- In Maßen Obst
- Kein Fast Food
- Keine Milchprodukte
- Bei Bedarf Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren
Wie üblich sind hierbei die ersten 3 Punkte die wichtigsten, der Rest eher Feintuning. Deswegen geht Felix hier auch mit Gefühl an die Sache: er jagt einem nicht die Angst vor der Milch ein, wie es z.B. Robb Wolf mit seinem ständigen “Wenn ich Milch höre denke ich Krebs”. Stattdessen bekommt der Leser fein säuberlich die Vor- und Nachteile zu hören, die Schwierigkeiten vor allem im sozialen Umfeld, und wird dann ermutigt, aufgrund der eigenen Milchverträglichkeit zu entscheiden. Genauso sieht es auch bei den anderen Detailpunkten aus: Fischöl als zielorientiertes Supplement, nicht als Selbstzweck.
Ein schöner Beigeschmack: Neben den gesundheitlichen Aspekten beschäftigt sich Felix auch mit Umwelt, Nachhaltigkeit sowie dem Einfluss der menschlichen Ernährung darauf.
Nach dieser philosophisch und theoretisch angehauchten Einführung kommt im nächsten Kapitel mein Lieblingsteil eines jeden Paleo-Buches. Über Steinzeitmenschen erzählen und Zucker verteufeln kann jeder, doch die wirkliche Herausforderung liegt darin, dem Leser einen praxisorientierten und umsetzbaren Ansatz zu bieten, mit dem dieser seine Lebens- und Essgewohnheiten verbessern kann.
Hierzu listet Felix zuerst in einer Liste alle exotischen Zutaten auf, die man im Buch zu sehen bekommt. Dem Leser dieser Seiten wird hier nicht all zu viel neues vor die Augen kommen, aber ein Otto-Normal-Esser hat vermutlich noch nie nach Kokosfett oder Mandelmilch Ausschau gehalten. Hier fällt auch gleich ein weiterer Unterschied zu den meisten Paleo-Büchern auf: Felix bäckt. Er ersetzt das Weizenmehl durch Mandel- und Kokosmehl. Den Zucker durch Stevia. Da über die Verwendung von Nuß- und Nußmehlen in der Paleo-Community viel gestritten wird, und einige die psychologischen Effekte von Zucker-Ersatz, Kuchen-Ersatz & Co. kritisieren, bin ich mir nicht ganz sicher, ob “Gesundbacken” für Jedermann so gut ist. Allerdings habe ich auch keine deutlich negativen Erfahrungen damit gemacht. Sicher sollte man nicht täglich einen Mandelmehlkuchen verdrücken. Wenn er einem aber alle 1-2 Wochen dabei hilft, ein Belohnungsgefühl zu erzeugen, welches früher durch puren Zucker befriedigt wurde, hat man sicher einen Reingewinn.
Besonders gefiel mir natürlich die Equipment-Liste, die sich eigentlich mit Eisenpfanne und Messer zusammenfassen lässt. Über die herausragende Bratperformance von Eisenpfannen habe ich ja schon berichtet.
Und dann ist es natürlich ein Kochbuch. Die Bilder lassen einem wahrlich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dabei hat Felix (jedenfalls nach eigener Aussage) die Fotos nicht mit künstlichen Zutaten und Hochglanzsprays aufpoliert, sondern zwischen Fertigkochen und Aufessen geknipst. Da sticht dann der Künstler hervor: alle Fotos sehen superlecker aus.
Genannt seien einige Favoriten wie der Kürbisbrei, das (der?) Apfelkompott – bei Felix zum Rührei serviert. Die Rezepte sind selten monströs aufwändig, bieten aber stets einige Feinheiten, die sie eben doch zu etwas besonderem machen.
Was gefällt: Die meisten Rezepte sind in der deutschen Küche zuhause. Nachdem die Paleo-Community größtenteils englischsprachig ist, hat Felix hier einen Nerv getroffen. Sich stets nach in Deutschland exotischen und unbekannten Zutaten umzusehen, oder sich von der Schnittmenge deutscher und amerikanischer Lebensmittel zu bedienen, führt schnell zu Frustration. Gerade diejenigen, die mit der englischen Sprache nicht per Du sind und auch keine Muße haben, sich für jede Mahlzeit die Mengenangaben und die deutsche Übersetzungen rauszusuchen, sind mit diesem Kochbuch lokaler Küche bestens bedient. Und natürlich diejenigen, die auch einfach ihre Lieblingsspeisen beibehalten oder verfeinern wollen.
Alles in allem ein lange fälliger Einsteig in die gesunde und nachhaltige Ernährung für all diejenigen, die sich ihren Lebensstil nicht aus Blogs und Foren zusammensuchen.
Hier geht’s zum Urgeschmack Kochbuch.
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Wow, das Review ist erstklassig geschrieben und schafft gleich noch einen Überblick über Paleo. Dass Felix Zutaten benutzt, die man hier auf dem Wochenmarkt findet, und diese in einfache Rezepte verwandelt, ist der größte Pluspunkt des Buches, weshalb ich auch seinen Blog so gerne lese.
Ich bin überhaupt erst wegen ihm auf Kürbis gekommen. Ich habe es vorher nie gegessen und nun gibt es das bei mir alle 3 Tage.
Solange er uns keine in Wakame Algen eingelegten Oktopus und als Beilage in Banenblättern geschmorrte Okras als Rezept verkauft …